Vorgefertigtes Strohhaus – klimapositiv, rückbaubar und ohne Beton

Branchennews, 10.03.26
Pressemitteilung
Mit dem Strohhaus „NOW Lindow“ zeigt der Berliner Architekt Alessandro Tonnarelli, dass ein Gebäude nachhaltig, ökologisch und nahezu vollständig wiederverwendbar sein kann. Die Architektur schafft einen gesunden und ästhetischen Lebensraum aus sorgfältig ausgewählten, regionalen und regenerativen Materialien wie Stroh. Das gänzlich ohne Beton errichtete Haus kann wieder demontiert und zum Großteil sogar kompostiert werden, fast ohne Müll. NOW Lindow beweist, dass gesundes, nachhaltiges, ressourceneffizientes und ökologisches Bauen auch schön und bezahlbar sein kann.

Die Zukunft des Bauens liegt in einem schonenden Umgang mit den endlichen Ressourcen sowie in dem nachhaltigen Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen, weg von einer linearen und hin zu einer kreislauffähigen Bauwirtschaft. Bei der Planung des Wohn- und Ferienhauses in der brandenburgischen Stadt Lindow (Mark), gelegen etwa 60 Kilometer nördlich von Berlin, war es deshalb das Ziel des Architekten Alessandro Tonnarelli, Ökologie und Kreislauffähigkeit konsequent umzusetzen und gleichzeitig eine Ästhetik zu finden, die trotz, oder gerade wegen des Einsatzes biobasierter Materialien, Ruhe und Klarheit ausstrahlt. In dem Gebäude sind vor allem Stroh und Holz verbaut, was alleine in der Gebäudehülle zu einer Einsparung von insgesamt rund 18 Tonnen CO2 im Vergleich zu einem vergleichbaren Gebäude führt. Die Oberflächen im Innenraum wie Holz, Lehm und Kork sind weitestgehend naturbelassen, sodass ein gesundes und zugleich feuchteregulierendes Innenraumklima entsteht. Eine komplexe und deshalb wartungsintensive Haustechnik gibt es in diesem Low-Tech-Ansatz nicht. Geheizt wird mit Infrarot, die Warmwasserbereitung erfolgt über elektrische Kleingeräte, und die Belüftung erfolgt auf natürliche Weise dank passiver Maßnahmen. Das gesamte Gebäude steht auf Schraubfundamenten, wodurch es zwischen der Geländeoberfläche und der Hausunterseite einen Abstand gibt, mit dem das leichte Gefälle ausgeglichen werden konnte. Mittels einer Photovoltaik-Anlage auf dem begrünten Dach wird Strom für den Eigenbedarf gewonnen. Das Interesse an dem Haus ist groß: Seit Fertigstellung finden vor Ort immer wieder Führungen und Diskussionsrunden zum ökologischen und kreislauffähigen Bauen für Interessierte aus ganz Deutschland statt.

Entwurf: Klare und minimalistische Ästhetik

Das Ziel des Projektes, Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit konsequent umzusetzen, war gleichzeitig wichtiger Treiber des Entwurfs. Für Alessandro Tonnarelli ist die Arbeit an dem Projekt auch eine Untersuchung, wie Ehrlichkeit und Klarheit vereint und somit die Vorbehalte gegenüber sichtbaren Materialien genommen werden können. Auf dieser Basis ist eine Ästhetik entstanden, die eine Einfachheit vermittelt. Das unbehandelte Holz der tragenden Innenwände, die freiliegenden Decken und die sichtbaren Lehmwände führen zu einem natürlichen Gefühl der Behaglichkeit. Es gibt keine Fliesen, am Boden lediglich Kork.

Das kompakte Gebäude ist nach Süden ausgerichtet. Große Fenster mit Sitznischen bieten einen weiten Blick in die Landschaft und sorgen gleichzeitig für viel natürliches Licht im Innenraum. Die Raumanordnung ist nach Gesichtspunkten des Wärmeflusses und des Wohlbefindens gewählt: Im Erdgeschoss befinden sich die Schlafzimmer, das Arbeitszimmer sowie das Bad und die Toilette. Im Obergeschoss, wohin die interne Wärme ganz von selbst zieht, ist der große Wohnraum mit Küche, Essbereich und Wohnzimmer angeordnet, voneinander getrennt lediglich durch die Brüstung der Treppe.

„Menschen verbringen etwa 75 % ihrer Zeit in Innenräumen“, erläutert Alessandro Tonnarelli. Deshalb sei es essenziell, „dass diese Räume sowohl das körperliche als auch das geistige Wohlbefinden fördern. Oft zeigen Beispiele von Architektur mit biobasierten Materialien jedoch unregelmäßige Formen und eine Ästhetik ohne klare Linien. NOW Lindow strebt deshalb eine Ästhetik der Klarheit an, die ein natürliches Gefühl von Behaglichkeit fördert.“ Damit die BewohnerInnen und die BesucherInnen auch sehen, was sich „hinter“ diesem Anspruch verbirgt, gibt es in einer Außenwand ein kleines Fenster, das die Dämmung aus Stroh zeigt.

Materialität: taktile Qualität durch Natürlichkeit

Die Materialien laden bewusst zum Berühren und Erkunden ein. Die mit Stroh gedämmten Außenwände sind mit Lehmputz versehen, dessen Oberfläche subtil strukturiert ist. Die tragenden Wände und Decken aus CLT-Holz zeigen selbstbewusst ihre Astlöcher. Lehm und Kork im Innen- und Kalk im Außenraum sorgen für eine ideale Feuchtigkeitsregulierung. Das verdichtete Stroh, mit Lehm und Kalk geschützt, erfüllt die Brandschutzanforderungen. Bei der Wahl der Materialien hat Alessandro Tonnarelli gezielt darauf geachtet, dass sie überwiegend regional verfügbar, schnell nachwachsend und biologisch sind. Insgesamt wurden 80 m³ Stroh und 18 m³ Holz verwendet und zusammen mit dem Lehm, dem Hanf und anderen Materialien mehr als 22 Tonnen CO₂ gespeichert. Die Reste der Baumaterialien aus Stroh, Hanf, Schafwolle, Kalk und Lehm schließen den biologischen Kreislauf und wurden im Garten als Dünger verwendet. Dadurch konnten die Bauabfälle minimiert und der Sandboden nachhaltig regeneriert werden.

Konstruktion: Rohstoffeffiziente Bauweise

Das Gebäude besteht aus einer Holz-Ständer-Konstruktion mit Strohfüllungen, die komplett ohne Zement auskommt. Die tragenden Elemente – also die Bodenplatte, die Wände und das Dach – sind in KVH (Konstruktionsvollholz) aus heimischer Kiefer und Fichte gefertigt. Die Innenwände und die Zwischendecke bestehen aus CLT (Cross Laminated Timber bzw. Brettsperrholz) aus heimischer Kiefer. Die Außenbauteile, wie Balkon und Terrasse, bestehen aus heimischer Lärche.

Um eine hohe Qualität der Elemente zu erhalten, ist das Gebäude teilweise vorgefertigt. Konkret bedeutet das, dass die Bodenplatte, die Wände und das Dach in gut transportierbaren Teilen inklusive der Strohdämmung und Fenster im Werk vorgefertigt wurden und somit vor Ort in nur drei Tagen zusammengeschraubt werden konnten. Zur Entkopplung und Abdichtung der Fugen dient Schafwolle. Die montierten Wände wurden schließlich verputzt, innen mit Lehm- und außen mit Kalkputz. So hat die gesamte Wandkonstruktion einen U-Wert von 0,15 W/m²K, das Dach sogar 0,13 W/m²K. Durch die Vorfertigung konnten der Verschnitt minimiert, Material effizient eingesetzt und Abfälle drastisch reduziert werden. Auf der Baustelle fiel kein Containerabfall an.

Die hier angewandte Strohbauweise ist dabei keine experimentelle Sonderlösung, sondern seit über zehn Jahren als zugelassene Bauweise etabliert. Sie ist in Deutschland baurechtlich anerkannt und erfordert keine Sondergenehmigungen. Dadurch lässt sich die Umsetzung regulatorisch einfach und vergleichbar mit konventionellen Holzbauprojekten realisieren. Das macht die Bauweise nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch planerisch und genehmigungsrechtlich verlässlich.

Das komplette Gebäude steht außerdem auf Metall-Schraubfundamenten, wodurch auf die Herstellung eines Fundaments aus Beton komplett verzichtet werden konnte. Nach Erstellen eines Bodengutachtens und einer statischen Planung wurden insgesamt 20 Fundamentschrauben zwischen zwei und drei Meter tief in den Boden eingeschraubt. Damit konnte auch die leichte Geländeneigung ausgeglichen werden. Zwischen der Bodenplatte des Hauses und dem Gelände bleibt eine Luftschicht von rund 30 Zentimetern, was dazu beiträgt, dass sich keine Feuchtigkeit in den konstruktiven Bauteilen festsetzen kann. Der Boden wird dadurch nicht verdichtet und bleibt versickerungsfähig. Der Vorteil der Schraubfundamente liegt auf der Hand: Sollte das Haus einmal wieder rückgebaut werden, lassen sie sich einfach aus dem Boden herausschrauben. Dabei bleiben keine Rückstände, und die Schrauben können sogar wiederverwendet werden.

Gebäudetechnik: einfach und wartungsarm

Innerhalb einer derartigen Gebäudehülle, die den Passivhaus-Standard erreicht, beeinflusst jede Wärmequelle die Innenraumtemperatur. Somit ist es möglich, auf ein zentrales Wärmesystem zu verzichten. Stattdessen werden die Räume mittels Infrarotheizungen an der Decke gezielt beheizt. In den drei Erdgeschoss-Zimmern befindet sich jeweils ein Gerät mit einer Leistung von 420 Watt, im Bad zwei Geräte mit jeweils 250 Watt. An der Decke des Wohnraums im Obergeschoss sind insgesamt 4 Geräte mit jeweils 540 Watt angeordnet. Die Infrarotpaneelen sind sehr materialschonend, da nur ein Stromanschluss notwendig ist. Sie können außerdem schnell reagieren und gezielt eingesetzt werden. Auch die Resilienz des Heizsystems ist gewährleistet, da bei einem Ausfall einer Platte das System trotzdem weiterarbeitet. Warmwasser für das ganze Haus wird mit einem Durchlauferhitzer produziert. Der Energiebedarf liegt bei lediglich rund 1.300 kWh im Jahr.

Die gesamte Gebäudetechnik funktioniert also über die Energiequelle Strom, womit auf fossile Brennstoffe gänzlich verzichtet werden konnte. Folgerichtig wurde im Januar 2026 auf dem Dach eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von knapp 11 kWp installiert, die künftig Strom für die Eigenversorgung liefert. Zusätzlich wurde ein 6 kWh großer Stromspeicher installiert, der auch in den Nachtstunden und im Notfall für energetische Unabhängigkeit sorgt.

Nachhaltigkeit: Ein Haus, das atmet!

NOW Lindow entnimmt Rohstoffe aus den natürlichen Kreisläufen, nutzt sie effizient und wird sie nach Gebrauch wieder zurückführen. Die einzelnen Baustoffe können einfach und vollständig demontiert, ersetzt und instandgesetzt werden. Somit fungiert das Gebäude als CO₂-Speicher und Materialbank, sichert also wertvolle Rohstoffe, die wiederverwendbar, regenerativ und gesund sind.

Das bezieht sich vor allem auf die Wärmedämmung aus Stroh, ein nachwachsender und leicht verfügbarer Rohstoff, der später einmal schlicht wiederverwendet werden kann und sogar kompostierbar ist. Die verbauten 80 m³ speichern rund 10 Tonnen CO₂. Das in die Boden-, Wand- und Dachelemente gepresste Stroh ist ohne Verbindungen fixiert und bleibt gänzlich unbehandelt. Geschützt wird es außen durch den Kalkputz und innen durch den Lehmputz. Der Kunststoffgarn der einstigen Strohballen wurde zu Hockern verarbeitet.

Lehm- und Kalkputz sowie unbehandeltes Holz übernehmen dabei eine zentrale Rolle für die natürliche Feuchtigkeitsübertragung und -regulierung im Gebäude. Diese diffusionsoffenen Materialien können Feuchtigkeit aufnehmen, zwischenspeichern und zeitverzögert wieder abgeben. In Kombination mit der Strohdämmung entsteht so eine Gebäudehülle, die ohne technische Lüftungssysteme ein ausgeglichenes und gesundes Innenraumklima ermöglicht. Temperaturschwankungen werden abgepuffert, Schimmelrisiken minimiert und die Behaglichkeit deutlich erhöht.

So gelingt mit dem NOW Lindow eine gesunde und „atmende“ Bauweise. Das durchdachte Energiekonzept reduziert den Bedarf an Materialien und Technik. „Mit NOW Lindow wollen wir zeigen“, erläutert Alessandro Tonnarelli, „dass nachhaltiges Bauen wirtschaftlich, elegant und minimalistisch sein kann – und wie der Materialeinsatz und biobasierte Baustoffe zu einem gesunden Raumklima führen können, ohne Mehrkosten zu verursachen.“ Der Einsatz günstiger, nachwachsender Materialien, sichtbarer Oberflächen, einfacher handwerklicher Lösungen sowie eine reduzierte Haustechnik senken die Kosten für das Bauwerk deutlich.

Großes Interesse an Bauweise

Seit der Fertigstellung finden immer wieder Führungen und Diskussionsrunden zum kreislauffähigen und ökologischen Bauen statt. Parallel dazu wächst die Zahl der Zimmereien und Holzbaubetriebe, die sich auf Strohbau spezialisiert haben. Der steigende Grad an Vorfertigung ermöglicht eine gleichbleibend hohe Qualität, kurze Bauzeiten und eine gute Kostenkontrolle. Dadurch ist die Bauweise heute skalierbar und längst nicht mehr auf Einfamilienhäuser beschränkt. Großprojekte wie das Logistic Center West zeigen die Skalierbarkeit der Bauweise: Dort wurden insgesamt rund 42 000 m² Strohwände realisiert – eine Fläche vergleichbar mit etwa sechs Fußballfeldern. Oder mehrgeschossige Wohnbauten mit bis zu zwölf Geschossen, wie in Hyllie in Malmö, zeigen, dass Strohbau auch im urbanen Maßstab und für komplexe Bauaufgaben realisierbar ist.

Projektdaten

  • Projekt: NOW Lindow
  • Bauherr: Privat
  • Bauzeit: Mai bis Dezember 2024
  • Fläche: BGF 120 m², Wohnfläche 90m2
  • Kosten: 300.000 €, 2.500 €/m2 BGF
  • Konstruktion: Strohgedämmter Holzständerwerk, Vorfertigung, Lehm- und Kalkputz, Gründach, Schraubfundamente, Infrarotheizung, PV Anlage mit Speicher

Produkte und Hersteller

  • Fenster: Holzfenster Classic IV 92, Neuffer Fenster
  • Lehmputz: Unterputz und Oberputz mit Strohanteil, Schleusner
  • Innenfarbe: Lehmfarbe und Kaseinanstrich, Kreidezeit
  • Kalkputz: Pajalith 73, Gräfix
  • Außenfarbe: Silikatfarbe 614 mit Hydrophobierung, Rabolin
  • Boden: Ziro Kork plus Classico Hartwachs-Öl, 12mm
  • Innentür: Massivholz, Design strohtektur
  • Infrarotheizungen: 250, 420 und 540W, DigelHeat
  • Durchlauferhitzer: 18-24 kW Stibel Eltron
  • Elektro: Schalterprogramm E2, Gira
  • Gründach: Systemaufbau Sedumdach Leicht 15-20°, Sempergreen
  • Treppe: Composity 84, Rintal
  • Küche: Vollholzküche, Tischlerei Andreas Baldin

Über strohtektur – Alessandro Tonnarelli aus Berlin

Das Büro strohtektur wurde von dem italienischen Architekten Alessandro Tonnarelli im Jahr 2024 gegründet. Anspruch von strohtektur ist Nachhaltige, Ökologische und Wiederverwendbare Gebäude (NOW) für die Zukunft zu bauen. Das Ziel ist eine gebaute Umwelt, die einen Mehrwert für zukünftige Generationen schafft, mit Gebäuden, die baubiologisch wertvoll und wohltuend sind, die auf zukünftige Bedürfnisse und Szenarien reagieren können und im Kreislauf der Materialien und Permakultur funktionieren.

Alessandro Tonnarelli (*1991) absolvierte 2015 sein Architekturstudium cum Laude am Dipartimento di Architettura von der Universität in Ferrara und studierte an der Escola Tècnica Superior d‘Arquitectura in Barcelona. Er arbeitete in Barcelona und Berlin in Architektur- und Projektsteuerungsbüros. Seit 2018 ist er auch Permakulturdesigner und 2021 spezialisierte er sich bei der Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung e.V. (BiWeNa) auf Strohbauplanung.

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