Eng mit der Vergangenheit verbunden

Architektur, 07.05.24
Marlies Forenbacher
Im Herzen des Dorfes Arnex-sur-Orbe im Schweizer Kanton Waadt wurde vor mehr als 200 Jahren eine Scheune erbaut. Jahrzehnte lag sie als Lagerraum brach, nun wurden zwei moderne Wohnungen nach dem Box-in-Box-Prinzip eingebaut, die in einen spannenden Dialog mit der historischen Holzkonstruktion treten.

Die ehemalige Scheune in der fast 700-Seelen-Gemeinde der französischen Schweiz, die zu den ersten Bauten der Siedlung zählt, befindet sich direkt neben der Kirche. Südseitig ist sie Teil eines kleinen alten Viertels, das die Weinberge des Dorfes überblickt. Im Osten schließt das Haus der Eigentümer:innen an und bildet gemeinsam mit der Scheune einen Gebäudekomplex. Westseitig befindet sich ein großer Garten, der früher als Obstgarten genutzt wurde.

Haus im Haus

Vor 30 Jahren erwarben zwei Familien das Ensemble, nutzten die Scheune jahrzehntelang aber nur als Lagerraum und Spielplatz. 2019 entschlossen sich die Bauherr:innen dazu, das Bestandsgebäude auszubauen und das riesige Volumen für Wohnzwecke zu nutzen. Ziel war es, hochwertigen Wohnraum zu schaffen. Jonas Christe, Projektmanager beim Schweizer Architekturbüros cBmM, erzählt: „Das kleine Viertel ist ein Ort, in dem sich alle Leute kennen, und man wollte dieses Gleichgewicht nicht durch zu viele neue Bewohner:innen auf einmal stören.“ Die Privatsphäre sollte gewährleistet werden, und so wurden zwei Wohnungen geschaffen, die durch ihren jeweils eigenen Eingang und Zugang zum Garten die Qualität eines Hauses haben. Die westseitige Orientierung verhindert eine direkte visuelle Beziehung zu den neuen Bewohner:innen, abgewandt von den ostseitig situierten Bauherr:innen. „Es war ziemlich logisch, die beiden großen Öffnungen an der Nord- und Südfassade als Zugang zu den Wohnungen zu verwenden“, erläutert Jonas Christe den Entwurf.

Stein und Holz

Der Umbau der Bestandsstruktur sah die Erhaltung und den Respekt gegenüber der Bausubstanz vor, die für die bäuerlichen Bauten der frühen 1800er-Jahre charakteristisch ist: dicke Bruchsteinmauern und ein unregelmäßiges Eichenholzgerüst, das das Dach trägt. Zwei Drittel des Gebäudevolumens werden für die neuen Wohneinheiten genutzt, der verbleibende Teil im ersten Obergeschoss ist als großes offenes Volumen konzipiert und dient als Mehrzweckraum. Er wurde so roh wie möglich belassen und stellt den Dialog zwischen Alt und Neu her. Im Erdgeschoss darunter befinden sich Technikräume und Lager. Im Dach wurden zwei große Öffnungen gemacht, um Licht hereinzulassen und die Nutzung angenehmer zu gestalten.

„Von außen bewusst unauffällig, besteht der Eingriff in der Anordnung einer intramuralen Box, die zwei Reihenwohnungen umschließt, deren Typologie mit dem von der bestehenden Struktur vorgegebenen Raster in Dialog tritt.“ – Jonas Christe, cBmM Architectes

Altes Holz erhalten

„Die vorhandene Holzstruktur im Innenraum und der Wunsch, diese beizubehalten, waren wichtig in unserem gesamten Entwurfsprozess“, erläutert Jonas Christe. Das Äußere soll so unangetastet wie möglich bleiben. „Der Zugang zu den Wohnungen erfolgt über die alten Portale, die ihre Funktion als Eingangspunkt beibehalten haben. Dahinter erstreckt sich ein Innenhof in doppelter Höhe, der einen ersten Blick auf das Bauwerk ermöglicht.“ Jede Wohnung entwickelt sich über drei Stockwerke und ist rund um eine Treppe angeordnet, die neben den ursprünglichen, gewundenen Balken liegt. Um Licht in die Wohnungen zu bringen, mussten westseitig neue Öffnungen geschaffen werden, die sich Richtung Garten orientieren.

Subtile Außenwirkung

Von außen bewusst unauffällig, entwickelt sich das Projekt von innen heraus wie eine „Box in der Box“. „Da die Bestandstruktur hauptsächlich aus Holz besteht, lag es für uns auf der Hand, mit diesem Material zu arbeiten. Sein Aussehen und seine Konstruktionsmerkmale waren eine Möglichkeit, das ursprüngliche Erbe des Gebäudes zu respektieren und durch unseren neuen Eingriff mit ihm in Dialog zu treten“, erzählt der Architekt. Diskret zeigt sich die neue Box durch die Öffnungen nach außen, wobei die warme Holzstruktur im Kontrast zur Strenge der dicken Bruchsteinmauern steht.

Eine grosse Herausforderung stellte die komplexe Holzstruktur im Inneren dar, da fast alle Elemente unregelmäßig und nicht orthogonal zueinander waren. Dennoch war man sich einig, die charakteristischen Elemente sichtbar zu lassen.

Dreiteilung

Die Pfosten und Balken, die das Dach tragen, gliederten ursprünglich das Innenvolumen in drei Hauptstreifen. Zwei wurden zu Wohneinheiten ausgebaut, der dritte wird gemeinschaftlich genutzt und dient als Puffer zum benachbarten Wohnhaus. Im Inneren der neuen Box bestimmen die vorhandenen Pfosten und Balken die Typologie der einzelnen Stockwerke. Um einen fließenden, bewohnbaren Raum zu schaffen, mussten einige von ihnen entfernt werden, die meisten konnten erhalten bleiben. Da einige von ihnen in schlechtem Zustand waren oder nicht bis zum Boden reichten, wurde die gesamte Struktur mit Stützen angehoben, um einzelne Pfosten auszutauschen und die Betonplatte im Erdgeschoss zu bearbeiten. Nach diesem Schritt wurden die Streben entfernt, damit die Holzkon-struktion auf ihren neuen Fundamenten ruhen konnte.

Maisonette

Die drei Etagen bilden verschiedene Ebenen der Intimität: Das Erdgeschoss ist großzügig offen in einem durchgehenden Raum, der die Eingangshalle, das Wohnzimmer und die Küche umfasst. Im ersten Stock befinden sich die Schlafräume der Kinder und ihr Spielraum. Beide Stockwerke sind direkt mit dem gemeinsamen innenliegenden „Außenbereich“ im Osten verbunden, um die Wohnungen nach außen zu erweitern.

Luftraum

Ein Pelletskessel versorgt die beiden Wohnungen sowie die Einheiten der Bauherr:innen mit Wärme und Warmwasser. Ein simples Belüftungssystem mit elektrischen Ventilatoren wurde in den Bädern und Küchen installiert. Technisch besonders interessant zeigt sich die Beziehung zwischen dem Bestandsmauerwerk und der neuen Konstruktion. Um sicherzustellen, dass die Holzkiste an den Schnittpunkten trocken bleibt, wurde zwischen den Steinmauern und der neuen Konstruktion ein dünner Luftraum belassen.Die Luft strömt von außen durch kleine Löcher an der Basis der Steinmauer ein, steigt nach oben und entweicht wieder in den Raum unter dem Scheunendach. Subtil wird der Charakter der alten Scheune bewahrt durch die Holzverkleidungen der tiefen Fensterlaibungen.

Daten & Fakten

  • Architektur: cBmM architectes SA Bridel Marinov Truchard; Projektmanager: Jonas Christe
  • Planungsbeginn: Juni 2019
  • Baubeginn: September 2021
  • Fertigstellung: Dezember 2022
  • Errichtungskosten: 1.550.000 € netto
  • Bebaute Fläche: 280 m2
  • Nettogrundfläche: 444 m2
  • Bruttogrundfläche: 528 m2
  • Heizwärmebedarf: 56 kWh/m2a
  • Statisches Konzept: Holzrahmenkonstruktion
  • Materialkonzept:
    Hauptsächlich Rohstoffe: bestehende Struktur hauptsächlich aus Eiche, Fichte für Tischlerarbeiten und einige Wandverkleidungen, polierter Zementestrich für den Fußboden im Erdgeschoss, Eichenparkett im 1. und 2. Obergeschoss, Kalkputz für die Wandverkleidungen
  • Wärmeschutz:
    Steinwolldämmung für Wände und Dach, Schaumglasgranulatdämmung unter der Fundamentplatte
  • Innenwände:
    Bestand: Bruchsteinmauern;
    Neue Kastenwände: Holz
  • Außenwände:
    Kalkputz und Fichtenholzplatten
  • Fenster:
    Fichte und Eiche
  • Dach:
    Bestand: traditionelle Flachziegeleindeckung
  • Fundamentplatte: Beton
  • Qualitäten der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit:
    Einfache und nachhaltige Baumethoden, Langlebigkeit der verwendeten Materialien
  • Qualitäten der sozialen Nachhaltigkeit:
    Das Projekt bietet gemeinsame Räume für Eigentümer:innen und neue Bewohner:innen, um die soziale Erfahrung des Lebens in einem kleinen Dorf auf dem Land zu verbessern.
  • Qualitäten der ökologischen Nachhaltigkeit:
    Verwendung vorwiegend lokaler Baumaterialien, umfassende Dämmung unter Ausnutzung der vorhandenen dicken Bruchsteinmauern, Erneuerung der gesamten Heizungsanlage mit Pelletkessel für die Wohnungen der Eigentümer:innen sowie für die neuen Wohnungen.