Mehr Zeit, mehr Holz?

Branche, 27.10.26
Claudia Stieglecker
Da sich die Vegetationsperiode durch die Klimaerwärmung verlängert, haben Bäume theoretisch mehr Zeit, Holz zu bilden. Forschende haben untersucht, wie die Holzbildung auf das Klima reagiert.

In nicht-tropischen Wäldern hemmen kalte Winter das Baumwachstum. Die Klimaerwärmung verlängert dort den Zeitraum, in dem Bäume durch Photosynthese Kohlenstoff aufnehmen und im Holz speichern. Potenziell könnte dies den weiteren Klimawandel abmildern, da mehr Holz gebildet und in diesem mehr Kohlenstoff gespeichert wird – um herauszufinden, ob dies wirklich der Fall ist, analysierte ein internationales Team mehr als 50.000 Holzproben aus Nadelwäldern auf vier Kontinenten.

GESAMMELT

Forschende aller beteiligten Institute, darunter die Schweizer Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, sammelten während der gesamten Vegetationsperiode regelmäßig Holzproben. Im Labor musste jede Probe aufbereitet, unter dem Mikroskop fotografiert und Zelle für Zelle analysiert werden, so die WSL. Untersucht wurde die Xylogenese, das bedeutet, wie sich Holzzellen – Xylemzellen – in den äußersten Baumringen bilden und entwickeln. Durch die Betrachtung der Proben unter dem Mikroskop kann genau erkannt werden, wann Bäume aktiv Holz bilden, wann dieser Prozess beginnt und endet und mit welcher Geschwindigkeit er abläuft.

ANALYSIERT

Insgesamt stellten die Forschenden fest, dass die Geschwindigkeit, mit der Bäume neue Xylemzellen bildeten, einen stärkeren Einfluss auf die jährliche Zellproduktion hatte als die Dauer der Vegetationsperiode. Auch die Geschwindigkeit der Holzbildung variierte stark, von einer neuen Holzzelle pro Monat bis zu zwei Zellen pro Tag. Die Temperatur wirkte sich auf unterschiedliche Weise auf die Geschwindigkeit und Dauer der Holzbildung aus. Wärmere Bedingungen verlängerten im Allgemeinen die Vegetationsperiode, doch die Geschwindigkeit der Zellproduktion stieg nicht unbegrenzt an. Oberhalb einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von rund 6 °C verlangsamte sich die Zellproduktion, wahrscheinlich aufgrund der geringeren Wasserverfügbarkeit. Somit führte eine längere Vegetationsperiode nicht zwangsläufig zu einer höheren jährlichen Holzproduktion.

LÄNGER ODER LANGSAMER

Diese Erkenntnis helfe zu erklären, warum sich längere Vegetationsperioden je nach Breitengrad unterschiedlich auf Wälder auswirken können, heißt es weiter. Kältere, boreale Wälder profitieren im Allgemeinen von wärmeren Temperaturen, da sie länger und schneller wachsen. In wärmeren mediterranen und gemässigten Wäldern wird der potenzielle Nutzen einer längeren Vegetationsperiode jedoch oft durch die verlangsamte Zellbildung ausgeglichen oder sogar aufgewogen. Die Ergebnisse stellten die Annahme in Frage, dass längere Vegetationsperioden zwangsläufig die Kohlenstoffspeicherung in Wäldern verbessern und dadurch den Klimawandel abmildern, so die WSL: Eine langsamere Holzbildung verringere letztlich die Fähigkeit der Wälder, als Kohlenstoffsenken zu fungieren.