Von der Ruine zum Herzstück

Architektur, 22.05.24
Simone Steurer
Mit einem traditionellen Anspruch und den Materialien Ziegel und Holz rekonstruierten und erneuerten Sigurd Larsen Architekten einen ganz besonderen Bauernhof in Deutschland.

Die Michelberger Farm liegt in Naundorf in der Region Spreewald südlich von Berlin und fokussiert sich auf nachhaltige Landwirtschaft. Der Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert bestand früher aus einem vierflügeligen Ensemble, welches sich um einen Innenhof gruppierte. Eine Typologie, die typisch ist für die Region. „Das Gebäude zwischen dem Hof und dem Feld war eine Ruine“, erzählt Architekt Sigurd Larsen den Startpunkt des Projekts. Ein neues Haupthaus sollte hier entstehen, mit Gastronomie und einigen kleinen Hotelzimmern.

Verbindung zur Natur

Die bestehende Ruine wurde abgerissen und durch einen neuen Bau ersetzt. „Von der alten Ruine haben wir einige Holzbalken behalten, die wir im neuen Gebäude zu Möbeln verarbeitet haben. Das sind die großen Tische, die Sie sowohl drinnen als auch draußen sehen. Das war von Anfang an ein Teil unseres Konzepts“, so Larsen. Der rekonstruierte und neu interpretierte vierte Flügel des traditionellen Bauernhofensembles wurde zum neuen Herzstück des Anwesens. Das Konzept umfasste es, einen Ort für alle Sinne zu schaffen: „Es ist ein Ort, der den gastronomischen Prozess von der Aussaat bis zum Genuss von hochwertigen Lebensmitteln zelebriert. Das Gebäude steht in enger Verbindung mit der Natur und der Landwirtschaft in ihrer traditionellen, nachhaltigen Form.“

Holz und Ziegel

Darum entschied sich das Team von Sigurd Larsen Architects für Holz und Ziegel als Baumaterial. „Beide Materialien werden so verarbeitet, wie wir mit unseren Lebensmitteln umgehen. Sie werden geerntet, aus dem Boden geholt, getrocknet, erhitzt und zusammengesetzt, und sie sind voller spannender Texturen, Düfte und Farbnuancen.“ Statt den Innenhof mit dem vierten Flügel zu verschließen, lässt die Glasfassade des Erdgeschosses den Blick übergehen und in die dahinter liegenden Felder schweifen.
Die traditionelle rote Backsteinfassade bildet einen leicht erhöhten Sockel, aus dem zwei große Backsteinelemente herausragen: Das eine bildet einen Küchenblock, das andere bietet einerseits Platz für einen gemütlichen Kamin, und wächst andererseits aus dem Gebäude heraus, um die Verbindung zum Obergeschoss zu bilden und das scheinbar schwebende Dach zu tragen. Das Dach des Backsteinturms bildet den höchsten Punkt des Grundstücks und bietet eine 360°-Aussicht inklusive Badewanne.

„Das Schönste an der Michelberger Farm ist, morgens aufzuwachen und die Tür zum Schlafzimmer zu öffnen. Während man langsam aufwacht, hört man, wie das Küchenteam unten das Frühstück vorbereitet, das aus Beeren und Feldfrüchten besteht, auf die man vom Bett aus schaut. Es fühlt sich an, als würde man in dem großen Haus eines Freundes auf dem Land aufwachen.“ – Sigurd Larsen, Architekt

Reduzierter Landhausstil

Im Obergeschoss gibt es eine Reihe von kleinen Schlafzimmern, in denen die Gäste nur das Nötigste zum Wohnen auf dem Lande vorfinden: ein Bett, eine Lampe und einen schönen Blick in die Natur. „Die ‚Cosy‘-Zimmer sind wahrscheinlich das Einzigartigste an diesem Hotel. Sie sind klein geplant, fast wie Zellen in einem Kloster. Die Idee ist, die meisten der üblichen Funktionen eines Hotelzimmers in den Gemeinschaftsräumen des Gebäudes unterzubringen“, erklärt Sigurd Larsen. Ein Panoramafenster, das das Dach in zwei Hälften teilt, bietet einen Blick über die angrenzenden Felder bis hin zum Horizont über dem Wald. „Außerhalb jedes Zimmers auf dem Gang befinden sich Schreibtische zum Arbeiten, die Privatsphäre bieten, aber dennoch das Gefühl vermitteln, mit den Aktivitäten im Erdgeschoss verbunden zu sein.“

Holz: dunkel und „cosy“

Zusätzlich zu den roten Ziegeln und dem traditionellen roten Ziegeldach vervollständigt dunkles, gebranntes Holz für die Innenräume die erdige, haptische Ästhetik der warmen Materialpalette, die eine Hommage an das besondere nachhaltige Bewirtschaftungskonzept der Michelberger Farm und ihre ausgewählte Gastronomie ist. Die Holzmodulteile dazu wurden vom österreichischen Unternehmen Weissenseer Holz-System-Bau GmbH produziert, für die Statik war das Büro Glosch GmbH verantwortlich. Fertiggestellt wurde das Projekt 2023.