Bauen auf Gebautem

Architektur, 07.04.26
Adrian Engel
Kindgerechte Räume, kurze Wege und neue Verbindungen: In der Südtiroler Gemeinde Barbian vereint ein Holzbau Bildung, Mobilität und Dorfentwicklung in einem Ensemble. Das Projekt demonstriert, wie der moderne ländliche Raum aussehen kann.

Das Zeichen ist nicht zu übersehen. Am südlichen Ortseingang der Südtiroler Gemeinde Barbian zeigt ein hellgrüner Holzbau den Besucher:innen, wie moderne Architektur im ländlichen Raum funktioniert. Bildung, Mobilität und Dorfentwicklung greifen hier ineinander. Das von Roland Baldi Architects entworfene Ensemble vereint Kindergarten, Kindertagesstätte, Kinderrestaurant, Tourismusbüro, Tiefgarage, Buswendeplatz und eine barrierefreie Verbindung ins Dorf – ein multifunktionales Projekt, das den ländlichen Raum neu denkt.

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Kindergarten auf einer Tiefgarage

Wie so oft in der modernen Holzarchitektur, macht auch dieses Projekt aus der Not eine Tugend. Und ist dadurch besonders innovativ. Die Ausgangslage: Das Objekt sollte auf einer bereits geplanten Tiefgarage errichtet werden – in steiler Hanglage, mit stark begrenzter Fläche und unter Einhaltung zahlreicher Auflagen. „Eine zentrale Idee war das Prinzip ‚auf Gebautem bauen‘: Anstatt neue Flächen zu versiegeln, wurde die bestehende Garage als Sockel genutzt“, erklärt Ronald Baldi. Daraus entwickelte sich ein horizontal geschichtetes Bauwerk, das sich organisch aus der Topografie heraus entwickelt – mit einem Dach, das als sicherer Spielbereich für die Kinder gestaltet ist.

Offen, flexibel und kindgerecht

Auch pädagogisch bricht der Neubau mit Konventionen. Klassische Gruppenraum-Strukturen wurden aufgelöst und durch thematische Funktionsbereiche ersetzt – Kreativzonen, Rückzugsräume, Spielinseln. „Die Architektur sollte neue pädagogische Konzepte unterstützen – mit fließenden Übergängen, bespielbaren Zwischenräumen und hoher Flexibilität“, sagt Roland Baldi. Im Inneren dominieren helle Materialien und warme Holztöne. Großzügige Fenster sorgen für Tageslicht in allen Ebenen.

» Eine zentrale Idee war das Prinzip ‚auf Gebautem bauen‘. Anstatt neue Flächen zu versiegeln, wurde die bestehende Garage als Sockel genutzt. « Roland Baldi Architects

Klare Entscheidung für Holz

Das Tragwerk der oberirdischen Geschosse sowie Dach- und Deckenelemente bestehen aus Brettsperrholz (X-LAM). Innenausbau und Möblierung setzen auf heimische Hölzer wie Birke. „Holz wurde bewusst nicht nur konstruktiv, sondern auch atmosphärisch eingesetzt – als prägendes Material für eine warme, kindgerechte Umgebung“, sagt Roland Baldi. Verwendet wurden ausschließlich FSC- und PEFC-zertifizierte Hölzer aus dem Alpenraum. Die Fassade aus vertikal strukturierten, grün lasierten Holzbrettern gibt dem Gebäude seinen charakteristischen Auftritt. Fenster mit Dreifachverglasung und Holzrahmen sorgen für energetische Effizienz. Die Dämmung erfolgt durch Holzfaserplatten, das Flachdach ist begrünt und trägt eine PV-Anlage. Neben dem Klimahausstandard überzeugt das Projekt durch ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept: Wärmepumpe, kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, niedriger Endenergiebedarf (3.657 kWh/a) und CO₂-Emissionen von nur 13 kg/m²a sprechen für sich. „Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit hier auch sozial und funktional zu verstehen: Das Gebäude ist mehrfach nutzbar, langlebig konzipiert und flexibel anpassbar“, sagt Roland Baldi.

Ein Dorfprojekt mit Signalwirkung

Heute dient der Neubau nicht nur als Kindergarten, sondern auch als öffentlicher Durchgangsraum, Begegnungsort und touristischer Anlaufpunkt. Die Brücke über die Straße verbindet das Hauptgebäude mit dem Tourismusbüro samt barrierefreiem Zugang ins Dorf. „Besonders stolz sind wir auf die Selbstverständlichkeit, mit der hier unterschiedliche Funktionen, Nutzergruppen und Maßstäbe zusammengeführt wurden“, sagt Roland Baldi. So ist am Ortseingang von Barbian ein Bauwerk entstanden, das Bestand, Topografie und Zukunft gleichermaßen verbindet – ein architektonischer Brückenschlag mit Weitblick.

DATEN & FAKTEN

  • Bauherr:in: Gemeinde Barbian (Italien)
  • Architektur: Roland Baldi Architects, Bozen (Italien)
  • Statik: Baubüro (Italien)
  • Gebäudetechnik: Energytech (Italien)
  • Bauphysik: Akustik: Arch. Raimund Thaler – Thallo (Italien)
  • Sicherheitskoordination: Pfeifer Partners (Italien)
  • Planungsbeginn: November 2021
  • Baubeginn: Juni 2023
  • C02-Emissionen: 13 kg/m²a
  • Fertigstellung: März 2025
  • Nettogrundfläche: 1.540 m2
  • Endenergiebedarf: 3.657 kWh/m²a
  • Heizwärmebedarf: 36 kWh/m²a
  • Elektrokonzept: Photovoltaikanlage am Dach
  • Haustechnikkonzept: Heizung: Wärmepumpe, thermische Leistung 3 KW, elektrische Energie, Ventilkonvektoren
  • Kühlung: Wärmepumpe, thermische Leistung 5 KW, elektrische Energie, Ventilkonvektoren
  • Warmwasser: Elektrisch, thermische Leistung 5 KW
  • Außenwände: Brettsperrholzplatten, 16 cm Holzfaserdämmplatten 0,045 W/mK, Fassadenverkleidung aus Holz, U=0,16 W/m²K
  • Innenverkleidung: Brettsperrholzplatten mit Gipskarton verkleidet bzw. Gipskartonwände
  • Fenster: Fenster in Holz, Dreifachverglasung Uf 1,00 W/(m²K)
  • Dach: Brettsperrholz, 20 cm Holzfaserdämmplatten 0,045 W/mK, Schotterdach, Photovoltaik U=0,16 W/m²K
  • Wärmeschutz: Außenwände 16 cm Holzfaserdämmplatten
  • Fundamentplatte o. Kellerdecke: Gebäude steht auf bestehender Tief­garage aus Stahlbeton, U=0,21 W/m²K
  • Statisches Konzept: Holzbau mit Brettsperrholzplatten für Wände, Decken und Flachdach, teilweise durch Stahlelemente verstärkt