Eine Baustelle über den Wolken

Architektur, 18.08.26
HOLZMAGAZIN Redaktion
Wer zur Obstanserseehütte aufsteigt, hat den größten Teil des Weges bereits hinter sich. Die Schutzhütte liegt auf 2.304 Metern Höhe am Karnischen Hauptkamm in Osttirol und ist ein wichtiger Etappenstützpunkt am beliebten Karnischen Höhenweg. Erreichbar ist sie nur zu Fuß, Material und Versorgung kommen per Hubschrauber auf den Berg. Genau diese Bedingungen bestimmten auch die Planung ihres jüngsten Zubaus.

Der Anlass für das Projekt war zunächst ein ganz pragmatischer. Bei einer Begehung wurden erhebliche Schäden festgestellt, die durch eine undichte Gästedusche entstanden waren. Im Zuge der notwendigen Sanierungsüberlegungen rückte jedoch ein weiteres Thema in den Fokus: die Unterbringung der Mitarbeitenden. Die bestehenden Zimmer waren für die Anforderungen eines modernen Hüttenbetriebs längst zu klein geworden. Während der Saison lebt und arbeitet auf der Hütte ein Team von bis zu acht Personen, Rückzugsmöglichkeiten gab es bislang kaum.

Für den Alpenverein Austria, die Gründungssektion des Österreichischen Alpenvereins und Eigentümer der Obstanserseehütte, stand damit nicht nur die Sanierung eines Gebäudeteils im Mittelpunkt. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie sich die Arbeitsbedingungen auf den Hütten langfristig verbessern lassen. Der neue Zubau schafft zeitgemäße Unterkünfte für Mitarbeiter:innen und die Pächterfamilie, die die Hütte bereits seit mehreren Generationen betreibt.

Bauen auf 2.300 Metern bedeutet allerdings, gewohnte Abläufe zu hinterfragen. Die Bausaison beginnt praktisch mit der Schneeschmelze, das Wetter ist unberechenbar und jede zusätzliche Flugminute verursacht Kosten und ist ein Eingriff in die Natur. Aus diesen Rahmenbedingungen entwickelte Architekt und ehrenamtlicher Hüttenreferent des Alpenverein Austria Roland Patocka die Idee eines weitgehend vorgefertigten Holzmodulbaus. Bereits in der Planungsphase war das regionale Holzbauunternehmen Holzbau Lusser intensiv beratend involviert. Gemeinsam entstand ein Konzept, das möglichst viele Arbeitsschritte ins Tal verlagert. Dort konnten die Module unabhängig von Wetter und Zeitdruck gefertigt und ausgestattet werden, bevor sie per Hubschrauber auf den Berg transportiert wurden. Holzbau Lusser erhielt schließlich auch den Zuschlag für die Ausführung und war als Teil des Generalunternehmerteams maßgeblich an der Umsetzung beteiligt.­

Das Ergebnis war bemerkenswert: Die vorgefertigten Module konnten auf der Baustelle innerhalb von nur rund zwei Stunden montiert werden. Auch die gesamte Bauzeit vor Ort blieb mit weniger als zwei Monaten außergewöhnlich kurz, ein entscheidender Vorteil angesichts der begrenzten Bausaison im Hochgebirge.

» Hier musste über den Tellerrand geschaut werden. Ziel war es, bei minimalem Zeitaufwand auf der Baustelle eine hohe Ausführungs­qualität zu erzielen. « Roland Patocka

EINE BAUSTELLE ÜBER DEN WOLKEN

Der Weg dorthin war allerdings nicht geradlinig. Ursprünglich war eine Konstruktion aus Massivholz vorgesehen. Die Berechnungen zeigten jedoch schnell, dass die Module für den Hubschraubertransport zu schwer geworden wären. Die Planenden setzten deshalb auf einen Holzrahmenbau. Damit blieb die Idee der vollständig ausgestatteten Raumzellen erhalten, während das Gewicht deutlich reduziert werden konnte. Gleichzeitig mussten Bauphysik, Statik und die Belastungen während des Transports neu gedacht werden.­ Auch die Grundrisslösung folgt einer klaren Logik. Um möglichst wenig Fläche zu versiegeln und dennoch ausreichend Raum zu schaffen, wurden die Wohn- und Schlafbereiche ineinander verschachtelt. Die Schlafkojen und Aufenthaltsbereiche sind auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verzahnt, die dadurch entsandenen Nischen werden als Stauraum oder Arbeitsplatz genutzt. So entstehen kompakte Einheiten von rund 13 Quadratmetern, die trotz ihrer geringen Fläche ein hohes Maß an Nutzbarkeit bieten.

Besonders interessant ist dabei der Umgang mit Holz. Die Raumzellen bestehen aus Fichte, für die äußere Hülle wurde Lärche gewählt. Fassaden aus unbehandelten Lärchenschindeln sowie eine vertikale Lärchenschalung im Verbindungsbereich schützen den Bau dauerhaft gegen die Witterung. Auch die Fenster wurden als reine Lärchenfenster ausgeführt. Sämtliche Hölzer stammen aus regionalen Sägewerken. Damit greift das Projekt auf Materialien zurück, die seit jeher eng mit dem alpinen Bauen verbunden sind. Ganz ohne Beton funktioniert ein Bauwerk in dieser Höhenlage jedoch nicht. Schnee, Feuchtigkeit und extreme Witterungseinflüsse erfordern robuste und dauerhaft geschützte Bauteile.

Erdanliegende und der Witterung ausgesetzte Bereiche wurden daher aus Stahlbeton hergestellt, jedoch nur im erforderlichen Ausmaß. So wurden die Kellerwände lediglich 1,5 Meter hoch ausgeführt. Der fehlende Meter für die Raumhöhe sowie die darüberliegende Kellerdecke entstanden in Massivholzbauweise. Auf diese Weise konnte der Betonanteil deutlich reduziert und gleichzeitig Gewicht für den Transport eingespart werden. Trotz der innovativen Bauweise sollte die Erweiterung nicht als Fremdkörper erscheinen.

Der Neubau orientiert sich bewusst an der traditionellen Formensprache alpiner Schutzhütten. Satteldach, kompakte Kubatur und natürliche Materialien sorgen dafür, dass der Zubau den gewachsenen Charakter der Obstanserseehütte respektiert, statt ihn zu überlagern. Gerade darin liegt die eigentliche Stärke des Projekts.

Der Mitarbeiter:innenzubau versteht sich nicht als architektonisches Statement, sondern als präzise Antwort auf die Bedingungen des Hochgebirges. Vorfertigung, Holzbau und eine konsequente Reduktion der Transportaufwände greifen ineinander. Entstanden ist ein Baukonzept, das zeigt, wie sich auch unter ex­tremen Rahmenbedingungen zeitgemäße Räume schaffen lassen und wie ein möglichst schonender Umgang mit der sensiblen alpinen Landschaft gelingen kann.